Ich lebe in einem Land, in dem ich in den 70er Jahren das Licht der Welt erblickt habe. Einem friedlichen und sozialen Land. Ein Leben ohne Krieg, ohne Verfolgung, ohne Armut. Inmitten familiärer Geborgenheit und im kreisky’schen Wohlfahrtsstaat mit Arbeitsplätzen, kostenlosen Schulbüchern und sehr guter Sozialer- bzw. Gesundheitsversorgung. Ein Leben wie der junge Hund im Simperl.

Ich lebe in einem Land, in dem meine Eltern Geburten- und Familienbeihilfe sowie Heiratsgeld bekommen haben, man mit 16 wählen gehen darf, Männer u. Frauen gleichwertig behandelt werden, zumindest laut Kollektivverträgen nicht mehr zwischen Frauen- und Männergehalt unterschieden wird und Homosexualität entkriminalisiert wurde.

Ich lebe in einem Land, in dem ich nach einer kostenlosen Schulbildung relativ schnell Arbeit gefunden habe und noch keinen einzigen Tag arbeitslos war. Ich weiß, dass ich Glück hatte und mir ist bewusst, dass dieses Glück nicht jedem widerfährt. Ich kam dennoch an einen Punkt an dem ich beschlossen habe meinem beruflichen Leben eine andere Richtung geben zu wollen.

Ich lebe in einem Land, dass mir anschließend die Möglichkeit bot diese Richtung neu zu gestalten, neben meinem beruflichen Alltag kostenlos studieren zu dürfen und mir dies theoretisch mit einem Selbsterhalterstipendium, einer Bildungskarenz oder einer Bildungsteilzeit erleichtern hätte können bzw. mir erleichtert habe.

Ich lebe in einem Land, in dem jeder Einwohner und jede Einwohnerin ohne Furcht leben darf wie er oder sie es für richtig hält und sagen darf was er oder sie möchte, sofern diese Aussagen nicht den rechtlichen Grenzen der Meinungsfreiheit verstoßen. Niemand muss Angst vor Verfolgung aufgrund dieser Aussagen haben und wird obendrein von der Legislative geschützt.

Ich lebe in einem Land, dass bedingt durch den wirtschaftlichen Aufschwung der 60er und frühen 70er Jahre gezielt Gastarbeiter angeworben hat. Gastarbeiter und ihre Kinder, die ein paar Jahre später zu meinen NachbarInnen, meinen KollegInnen, meinen FreundInnen und meinen Bekannten geworden sind und genauso wie ich an der Erhaltung unseres sozialen Systems arbeiten.

Ich lebe in einem Land, in dem sehr wenige Menschen unverschuldet durch das soziale Auffangnetz durchfallen. Es Arbeitslosengeld, Notstandshilfe, bedarfsorientierte Mindestsicherung, Krankengeld, fast kostenlose medizinische Versorgung, Rezept- und Kostenanteilsbefreiungen, Rehabilitationsgeld, kostenlose Umschulungen, Frühpensionen und Alterspensionen gibt. In einem Land, in dem Junge für Alte, Gesunde für Kranke und Gutverdienende für Weniger-Gutverdienende einstehen und gerade zur gegenwärtigen Zeit auch weiterhin einstehen müssen.

Ich lebe ABER auch in einem Land, in dem Menschen Hass und Hetze auf Menschen projizieren. Hass u. Hetze, gegenüber Menschen die keinen einzigen der oben erwähnten Vorzüge erleben durften bzw. dürfen und vor Terror, Bürgerkrieg und aus Todesangst ohne Hab und Gut aus ihrer Heimat flüchten. Menschen, die ihren Kindern nur dieselbe Kindheit ermöglichen wollen, wie sie meine Eltern mir ermöglicht haben. Ein Leben in Sicherheit und der Aussicht auf eine positive Zukunft.

Ich lebe in einem Land, in dem Menschen anderen Menschen Dinge wie Smartphones u. Markenkleidung neiden, obwohl dies ihr einziges Hab und Gut darstellt, welches sie auf ihrer Flucht mit sich führen konnten und gewissermaßen die einzige Möglichkeit ist mit Daheimgebliebenen bzw. mit Familienangehörigen, für die eine Flucht aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich war, in Kontakt zu bleiben. Während diese Menschen kein Dach über dem Kopf haben oder in Zelten schlafen müssen, sitzen Menschen, die ich erschreckenderweise zum Teil auch persönlich kenne, auf ihrem kuscheligen Sofa und posten rechtsradikalen Müll in sozialen Medien.

Ich lebe in einem Land, in dem sich die Politik die Augen zuhält und sich eine Partei aus erzeugtem Hass u. Hetze nährt und mit der Unwissenheit bzw. der Ignoranz ihrer Sympathisanten Profit herausholt, jedoch keine einzig geeignete Lösungsstrategie anbietet.

Ich lebe in einem Land, dass Teil einer Union von 28 Mitgliedsstaaten ist, trotzdem jedes Land auf sich allein gestellt ist bzw. alleine gelassen wird, über faire Verteilungsquoten diskutiert wird, währenddessen unzählige Menschen im Mittelmeer ertrinken oder auf den Schlepperrouten umkommen, weil sie keine Möglichkeit haben auf legalem Weg in die EU einzureisen und auch rein gar nichts gegen die Fluchtgründe der Menschen unternommen wird.

Ich lebe in einem Land, in dem ich mich für diese ignoranten Menschen schäme, aber sehr stolz bin auf Diejenigen, die nicht wegsehen, helfen und sich solidarisch mit Menschen erklären die momentan unseren Schutz und unsere Hilfe benötigen. Ich gehe deshalb davon aus, dass das Land in dem ich nach wie vor im Wohlstand lebe, von Menschen, die andere gerne als links linke Gutmenschen bezeichnen, nach einer dunklen Regentschaft wiederaufgebaut haben und gegenwärtig auch erhalten.

Ich lebe in einem Land, in dem nun endlich und hoffentlich gemeinsam mit allen anderen Ländern an einer Lösungsstrategie gearbeitet wird und die Politik endlich ihre von uns erteilte Arbeit macht, damit dieses Elend ein Ende nimmt.

In diesem Sinne: #refugeeswelcome