Heute Morgen verlasse ich wie gewöhnlich meine Wohnung, um zur Arbeit zu fahren. Komisch, warum wurde heute keine Zeitung geliefert, brumme ich in meinen Bart. Die Zeitung ist doch morgens immer zuverlässig auf meiner Türmatte und ausgerechnet heute wird keine zugestellt.

Ich sause ohne Tageszeitung los und wundere mich über das geringe Verkehrsaufkommen auf den burgenländischen Straßen. Die Landstraße und die Umfahrungsstraße sind nahezu leer gefegt. Kaum ein Auto, Lastkraftwagen oder Traktor blockieren meinen Arbeitsweg. Dem Anschein nach sind auch die lästigen Baustellen eingestellt worden. Heute habe ich mal Glück, juble ich triumphierend und parke mein Auto vor meiner Lieblingsbäckerei. Ja, warum ist denn heute geschlossen? Die Regale sind leer und es sind Weit und Breit kein Bäcker und keine Verkäuferin zu sehen. Wo die wohl sind? Urlaub? Keine Ahnung.

Am Arbeitsplatz angekommen stelle ich fest, dass wohl schon länger niemand mehr geputzt hat. Spinnweben hängen von der Decke, die Toiletten sind versifft und am Fußboden liefern sich Staubwollmäuse Verfolgungsjagden. Es ist kein Büropapier geliefert worden und auch die Wäscherei dürfte derzeit nicht arbeiten, nachdem keine Handtücher geliefert wurden. Aus irgendeinem Grund erscheint heute weder die Post noch einer der unzähligen Paketdienste.

In meinem Stammlokal warte ich auf das Mittagsmenü. Heute jedoch vergeblich. Die Küche ist nicht in Betrieb und der sichtlich überforderte Geschäftsführer versucht auf eigene Faust seine Gäste tunlichst mit Getränken zu versorgen. Eine Alternative muss her! Doch auch der Dönerladen, das Asiabuffet, die Pizzeria und das Thairestaurant gibt es nicht mehr. Langsam wird es nervig und ich fahre zu McDonalds, aber auch dort ist niemand der die Burger zubereitet oder an der Kasse bedient. Gott sei Dank gibts Leberkassemmln!

Nach einem mehr oder weniger unproduktiven Arbeitstag fahre ich nach Parndorf ins Outlet Center shoppen. Bereits bei der Zufahrt wundere ich mich über die gähnende Leere auf den unzähligen Parkflächen. Bis auf ein paar Ausnahmen haben die meisten Läden geschlossen und in den wenigen geöffneten Geschäften langweilt sich das Verkaufspersonal. Ich breche den Shoppingausflug ab und fahre nachhause. In meinem Heimatort angekommen, stelle ich fest, dass auch der ortsansässige Bäcker, die Winzer, das Heimpflegepersonal, die Gastronomie, das Bauunternehmen, die Transportunternehmen, der Elektriker, der Installateur und der Raumausstatter ihre Arbeit eingestellt haben.

Was ist passiert?

Die Grenzen wurden in dieser fiktiven Geschichte dicht gemacht und nach dem EU-Austritt wurde der Stracheldrahtzaun gebaut. Ich habe gewissermaßen an meinem persönlichen Alltag dargestellt, wie mein Leben ohne die grenznahen Ausländer, die täglich über die Grenzen zum Arbeiten nach Österreich aufbrechen, aussehen würde! Seien es die Zeitungsboten, BäckerInnen und BäckereifachverkäuferInnen, VerkäuferInnen, Putzhilfen und RaumpflegerInnen, AltenpflegerInnen, PaketzustellerInnen, KöchInnen und KellnerInnen, BauarbeiterInnen, LKW-FahrerInnen usw. usf. Sie alle sind gegenwärtig unter uns.

Der rechtspopulistische Kurswechsel hat also in dieser Geschichte bereits stattgefunden. Niemand brauchte all die Ausländer im Land! Überhaupt diese von den Freiheitlichen gerne propagierten Wirtschaftsflüchtlinge! Ich charakterisiere jedoch mit diesem Ausdruck nicht die gegenwärtig gerne von den Blauen bezeichneten Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak oder sonst woher, sondern in diesem konkreten Fall all die ungarischen, slowakischen oder rumänischen Arbeiter u. Arbeiterinnen. Diese Menschen schuften sich in unserem Land schon lange krumm und bucklig, um sich oder ihren Familien in der Heimat ein gutes Leben bieten zu können. Mit der Aussicht auf ein gutes Leben haben sich auch diese von ihrer heimischen Wirtschaft vertriebenen Menschen auf den Weg zu uns gemacht, weil die Lohndifferenz zwischen Österreich und ihrer Heimat nun mal ca. 1:3 bis 1:5 ausmacht. (Quelle: ÖGB). Diese Menschen nehmen es in Kauf, dass sie trotz höherer Bildung Arbeiten für Geringer-Qualifizierte erfüllen, weil sie in Österreich mehr verdienen als in ihrer Heimat. Wir haben uns an sie gewöhnt und ich denke wir sind uns einig, wenn ich nun behaupte, dass in gewissen Bereichen ein Leben ohne sie auch gar nicht mehr möglich wäre. Oder doch?

Einerseits ja, denn in Österreich waren im Durchschnitt im Jahr 2014 rund 244.000 Menschen arbeitslos. (Quelle: Statistik Austria) Diesen arbeitslosen Menschen standen durchschnittlich 522.000 erwerbstätige Nicht-Österreicher gegenüber. Im Burgenland waren im Jahr 2014 exakt 98.565 unselbständig Beschäftigte registriert. Von diesen knapp 99.000 Menschen, waren 21% ausländische Arbeitskräfte. (Quelle: AMS, Arbeitsmarktprofil 2014) Ein Fünftel der im Burgenland beschäftigten Menschen waren also Nicht-Österreicher. Es wäre jetzt leicht zu behaupten, dass wir keine Arbeitslosen und ein Überangebot an Arbeit hätten, wenn wir auf die Hilfe der Nicht-Österreicher verzichten würden. Doch ist es wirklich so einfach? Nein, ich glaube nicht, denn viele arbeitslose Österreicher würden gewisse Berufe oder Hilfsdienste gar nicht annehmen. Erstens, weil die gegenwärtigen kollektivvertraglichen Konditionen für sie nicht attraktiv sind. Zweitens, die Tätigkeiten für sie zum Teil zu minderwertig erscheinen und drittens, weil sie im Gegensatz zu nicht in Österreich lebenden Menschen Anspruch auf höhere Sozialleistungen haben. Konkret heißt das jetzt, dass ein/e Ausländer/in aus wirtschaftlichen Gründen Arbeiten annimmt, die ein/e Österreicher/in ablehnen würde, weil er/sie sie aus den Vorteilen des Sozialstaates gar nicht annehmen braucht.

Was könnte man ändern, dass dies nicht passiert bzw. sich ändert?

  1. Die Kollektivverträge erhöhen, damit sich die Arbeit für Österreicher/innen wieder lohnt?

Oder

  1. Die Sozialleistungen für Österreicher/innen senken, damit er/sie durch Erwerbstätigkeit mehr verdient, als durch die sozialen Absicherungen.

Klingt irgendwie sehr einfach und logisch, oder? Leider resultieren aus diesen Vorschlägen wiederum viele Probleme und jedes geänderte Zahnrad hat kausale volkswirtschaftliche Konsequenzen im österreichischen Wirtschaftsmotor. Eine Erhöhung der Kollektivverträge würde viele Unternehmer/innen dazu zwingen auch die Preise für ihre Produkte oder Dienstleistungen zu erhöhen. Was wiederum das Leben in Österreich teurer machen würde. Senkt man jedoch die Sozialleistungen, würden viele Menschen auf der Straße landen, weil das Leben für sie nicht mehr finanzierbar wäre.

Ich denke, dass man diese Hypothesen ewig lang durchspielen kann und uns eigentlich unsere Politiker diese Erklärungen liefern sollten. Meiner Meinung nach ist es aber so, dass wir Österreicher/innen jeden Ausländer/in, egal woher er/sie kommt, in diesem Land brauchen, damit wir weiterhin unseren bequemen Wohlstand leben können. Das sollte auch den Rechtsgesinnten bewusst sein.